Schon während der ersten Stunde (Orga/Perlenweben) werde ich mehrfach auf unser Vorstellungsprojekt angesprochen. Die Schüler haben Lust, damit weiterzumachen. Ich weise darauf hin, dass wir warten wollen, bis meine Kommilitonin wieder gesund ist. Inzwischen werde ich freundlich (und mit dem richtigen Namen) begrüßt, mich um Hilfe zu bitten ist selbstverständlich geworden.
In der zweiten Stunde (Biologie) wird ein Film gesehen. „Der Körper“ ist das Thema. Es kommt auch etwas über die Verdauung vor, damit hatte sich die Klasse schon vorher beschäftigt. Es folgt ein Klassengespräch. Die Schüler sollen erzählen, was sie sich aus dem Film merken konnten. John macht gut mit und bekommt dafür ein dickes Lob vor versammelter Mannschaft. Er sitzt ganz hinten in der Klasse an einem Einzeltisch, denn er hatte sehr oft gestört in der Vergangenheit. Jack dagegen antwortet „Penis“ auf die Frage, wie der Vorgang heißt, wenn der Körper Flüssigkeit absondert. Er muss zwei Minuten vor die Tür gehen …
Es gibt hier diverse Möglichkeiten Fehlverhalten zu ahnden. Zum Beispiel Sätze aufgeben: Wer nervt, wird freundlich aufgefordert es nicht mehr zu tun. Gelingt das nicht, bekommt der Schüler Sätze aufgebrummt. 10 Stück müssen am nächsten Tag mitgebracht werden. Gelingt das Mitbringen nicht, verdoppelt sich die Anzahl. Es gab schon Schüler, die bis zu 300 aufhatten! Es gab auch schon Schüler, die Sätze auf Vorrat geschrieben haben … Am Anfang eines Schultages werden die Schüler aufgefordert, ihre Kaugummis zu entsorgen. Dazu zählt die Klasse langsam einen Countdown von 10 rückwärts (auf Englisch versteht sich). Wer sein Kaugummi dreist im Mund behält, bereichert die Klassenkasse um 50 Cent. (Das ist wohl schulrechtlich nicht ganz korrekt, aber mit den Eltern so abgesprochen.) Es gibt auch Sonderregelungen in Absprache mit den Eltern. John z.B. trägt am liebsten die Hosen seines älteren Bruders – ohne Gürtel. Ob das modisch inspiriert oder dusselig ist, weiß man nicht, aber es hat dazu geführt, dass alle Mitschüler über seine Unterhosen Bescheid wissen. Das wollen weder die Lehrer noch seine Eltern. Daher wird er nach hause geschickt um sich einen Gürtel zu organisieren. Andere werden nach Hause geschickt, wenn sie mehrfach ihren Mathetest zu hause vergessen haben. Es gibt an der Schule auch eine Einrichtung die nennt sich „Sanktion.“ Was genau dort passiert, muss ich noch herausfinden.
Für jede Klasse sind Rituale wichtig. Heute hat Megan Geburtstag, so kann ich das Geburtstagsritual erleben. Wohlgemerkt sind wir in der Schule die ersten, die ihr gratulieren. Ich frage unvorsichtigerweise nach ihren Geschenken. Es stellt sich heraus, dass alles schläft, wenn sie zur Schule geht. Da blutet mein Mutterherz, wenn ich bedenke, was wir zuhause im Morgengrauen schon veranstalten, bevor wir unsere Geburtstagkinder zur Schule schicken. Umso wichtiger ist es, innerhalb der Klasse für einen gewissen Ausgleich zu sorgen. Es gibt eine Geburtstagskiste. Jedes Kind stiftet ein Geschenk für die Kiste, hat jemand Geburtstag, darf er sich eins aussuchen. Einige Kinder dekorieren ein Tablett mit kleinen Schaumküssen (als ich politisch unkorrekt „Negerküsse“ sage, reagieren die Kinder prompt!) Die Klasse versammelt sich im Stuhlkreis, die Lehrerin zückt die Gitarre, es wird gesungen: „Wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst…“ Danach gratulieren die Klassensprecher, die Kerze wird ausgepustet, das Geschenk ausgepackt. Das Ritual ist immer gleich, für jedes Kind. Auch die Schaumküsse sind immer gleich – gespendet aus der Klassenkasse, weil nicht jedes Kind Süßigkeiten mitbringen kann zum Verteilen.