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Also … Alles in allem lief es besser, als man gestern hätte erwarten können.
Am Anfang der Stunde kommt Kate zu mir und verkündet sie wolle sich heute gut benehmen (im Gegensatz zu gestern) und John entschuldigt sich bei mir für sein Verhalten vom Vortag!! Ich denke, dass Einsicht immerhin ein Anfang ist und bin zufrieden.
Die erste Doppelstunde – verläuft zwar unruhig, aber durchaus im Rahmen. Wir sollen die Schüler Sachrechenpuzzles machen lassen. Die Sachrechenaufgaben sind einlaminiert, die Schüler schreiben mit abwaschbaren Folienstiften. Zwischendurch müssen sie ihre Ergebnisse wieder abwischen. Dazu müssen sie zum Klo und feuchtes Klopapier holen. Bei dem Hin und Her entgeht uns, dass Mary 2 nicht zu ihrer Sprachförderung geht. Und erst als Kate uns drauf aufmerksam macht, bemerken wir, dass John unangemeldet und viel zu lang schon auf dem Klo ist. Mindestens vier Kinder rennen los (ohne zu fragen) um ihn aufzustöbern und kommen zurück mit der Meldung, John würde sich auf dem Klo „einen runterholen.“ Alles kreischt und regt sich auf. Megan meint, dass wüsste sicherlich bald die ganze Schule. John murmelt, er hätte nur kurz telefoniert. Ein echter Lacher, denn Handys zu benutzen ist natürlich nicht erlaubt, geschweige denn im Unterricht auf dem Klo! Wenn einer ein Handy benutzt, setzt es Höchststrafen: 4 Wochen Schultresor (für das Handy). Die Pause kommt wie gerufen.

Die Pause – verläuft, wie es zu erwarten war: John knallt Megan eine. Er denkt, sie habe der ganzen Schule erzählt, dass er sich auf dem Klo … Hat sie aber nicht, deshalb knallt Megan John eine.

In der zweiten Doppelstunde versuchen wir, das Drama der Pause zu klären. Vier Kinder schreien gleichzeitig auf mich und aufeinander ein. Man bekommt eigentlich keinen Fuß in die Tür, geschweige denn, dass man irgendwas aufklären kann. Bei meinem Kenntnisstand sage ich, dass John natürlich niemanden schlagen darf, dass es falsch ist, dass so etwas aber leicht mal passiert, wenn man Gerüchte verbreitet (oder androht es zu tun). Deshalb trägt Megan eine Mitschuld, außerdem hat sie ja zurückgeschlagen = Gleichstand = Konflikt gelöst. Wie geplant spielen wir mit den Kindern: Manche wollen Uno spielen, andere Steckperlen stecken, Michael will weiter Mathe machen (!) usw.
Ich gehe mit ein paar Mädchen (Nicole, Megan, Sarah) in die Küche, um ein Spiel zu spielen dass ich mitgebracht habe: Super konzentriert die drei und mit guter Laune dabei. Meine Kommilitonin hütet derweil den Rest. Es gibt wohl zwei weitere Zwischenfälle mit John, zuguterletzt lässt er seine Wut an Jack aus, den er auch verdächtigt, rumerzählt zu haben, dass … John boxt Jack mitten ins Gesicht, die Lippe blutet, Jack zittert. John entlässt sich selbst in die Pause.

Wir Praktikantinnen beratschlagen. Klar, dass muss zur Schulleiterin. Nur, Jack will das nicht, weil er befürchtet dann erst recht Ärger mit John (und seinen Kollegen) zu bekommen. Wir können Jack aber überreden und sammeln John auf dem Weg zur Schulleitung ein. Die Schulleiterin schafft, was uns nicht gelang: Sie erfährt die Story von Anfang an. John verkündete nämlich in der ersten Doppelstunde vor Jack, Mary 1 und Kate, er habe „Gefühle“ und würde sich deshalb auf dem Klo „einen runterholen.“ Die Schulleiterin findet deutliche Worte, und befindet, dass es ja wohl nur einen gibt, der an diesem Dilemma schuld ist. John wird ordentlich zusammengefaltet und nach hause geschickt, sein Handy landet im Tresor.

Die dritte Doppelstunde verbringen wir entspannt am Beckenrand im Schwimmbad. Wir führen die Aufsicht über die Nichtschwimmer, die im kleinen Becken spielen dürfen. Wir lernen auch hier etwas: Die Aufsicht stellt sich so auf, dass sie das Fenster bzw. Sonnenlicht im Rücken hat. So kann man besser unter das Wasser gucken.

Heute war es anstrengend! Es ist deutlich zu merken, wie unterschiedlich die Klasse auf verschiedene Lehrer reagiert, denn Kathrin ist heute nicht da. Eine Sache fällt mir auf: Wenn die Schüler auf englisch vorlesen sollen, verbessert Kathrin sie kaum, obwohl andauernd Grund dazu bestünde! Heute macht eine andere Lehrerin Unterricht, die Schüler lesen Satz für Satz vor, die Lehrerin verbessert. Die Schüler reagieren unwillig und ungehalten darauf, sie fühlen sich gestört. Und an ihrer Aussprache verändert sich eigentlich gar nichts. Unwillig und ungehalten ist sowieso mehr oder weniger das Motto des Tages. Heute benehmen sich auch Kinder daneben, die sonst eher unauffällig sind. Und die „üblichen Verdächtigen“ geben das Ihrige dazu! Am Schwierigsten daran empfinde ich, dass für uns Praktikanten heute nur hospitieren dran ist. Ich fühle mich machtlos, diesem Dauerkonflikt nur zusehen zu können. Nicht dass ich denke, mein Eingreifen würde etwas bewirken. Aber man hätte was zu tun … Ausserdem fürchte ich mich ein bisschen vor morgen, denn dann sind meine Kommilitonin und ich allein (und zwar ganz allein) mit der Meute. Kathrin ist immer noch weg, und die zweite Lehrerin hat ihren freien Tag. Es geht um die ersten beiden Doppelstunden, danach sind noch zwei Stunden Schwimmen. Wir sind gefragt worden, ob wir uns das zutrauen, denn dann bliebe der Klasse dauernd wechselnde Vertretungslehrer erspart.

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Noch eine kurze Anmerkung: Als ich meinen Beitrag zum letzten Donnerstag fertig hatte, musst ich feststellen, dass in meiner Tagcloud ausgerechnet die Stichworte Praktikum und Polizei am größten waren. Zum Glück hat sich das inzwischen relativiert.

Heute ist meine Kommilitonin wieder an Bord. Die erst Doppelstunde Englisch hospitieren wir. Natürlich sprechen die Kinder meist Deutsch – trotz des bilingualen Anspruchs. Sie haben aber auf ihren Tischen Schilder kleben mit den wichtigsten englischen Sätzen die sie immer benutzen sollen. Z.B. May I go to the toilet? May I open the door? May I blow my nose? Und so weiter. Wenn man gut aufpasst (hospitiert) bekommt man das eine oder andere Schmuckstück zu hören. Jack zu Mary 1: „Go bitte please dahin!“

Jetzt da wir wieder zu zweit sind, können wir unsere Vorstellungsrunde weitermachen. Wir schnappen uns immer vier Schüler und gehen in einen Nebenraum. Dort versuchen wir, die Behauptungen der Kinder als wahr oder gelogen zu definieren und kommen darüber ganz gut ins Gespräch. Wir haben ja die Dateien der Kinder ausgedruckt vorliegen. Einigen konnte man den Wink mit dem Zaunpfahl schon ansehen. Kate, ein frühreifes, leistungsmäßig starkes Mädchen, ist auch mit ihrem Mundwerk vorn dabei. Sie schreibt, sie mag gern mit einem Jungen zusammen sein. Als ich die Behauptung vorlese, tut sie zwar peinlich berührt, möchte aber doch ganz gern, dass wir wissen, dass sie schon mehrere Freunde hatte und weitere interessiert sind. Ihr Vater ist dagegen, sie sei ja noch zu jung und soll keine Schlampe werden …

Wir fragen  eigentlich auch jedes Mal nach den Geschwistern der Schüler. Einige haben auch Geschwister an der Schule. Viele haben viele (vier oder fünf) Geschwister und es ist oft die Rede von Halb- und Stiefgeschwistern und von Vätern oder Müttern, die „woanders“ wohnen. Der schicke Begriff „Patchworkfamilie“ findet hier keine Verwendung.

Zum Schluss nehme ich die verbliebenen sechs Kinder mit zum Nähen. Diesmal bin ich schlauer! Wir bauen die Maschinen auf, aber die Stecker bleiben draußen, bis ich meine Anweisungen gemacht habe. Viel entspannter das ganze! Außerdem hilft meine Kommilitonin. Vielleicht bin ich inzwischen geübter, ich spule meine Programm schon etwas routinierter ab. Diese Gruppe kann ich mehrfach gesammelt loben weil sie sich alle anstrengen und gute Erfolge haben. Woran es auch liegt, aber das macht Mut fürs nächste Mal!

Heute habe ich meinen ersten richtigen Einsatz. Ich will den Kindern die Nähmaschine näherbringen. Eigentlich wollte ich das am Smartboard machen. Ich wollte mit den Kindern gemeinsam eine Abbildung beschriften und so die neuen Begriffe verdeutlichen. Kathrin hatte am Freitag noch eine der Schulnähmaschinen fotografiert und mir gemailt. Leider war das Foto nicht ganz scharf geworden und vor unruhigem Hintergrund, so dass Einzelteile nicht gut zu erkennen waren. Aber genau die sind bei der Nähmaschine entscheidend. Ich verbrachte eine unruhige Nacht mit einem Alptraum der von Garnrollen und Spulen handelte. Ich habe mich dann an eines der Microteachings erinnert, während dessen Verlaufes ich zum ersten Mal eine Festplatte im geöffneten Zustand gesehen hatte. Danke, Michael Sch.!

Wir (ich und die Schüler) haben uns also eine richtige Nähmaschine angeguckt und die Namen der Teile besprochen. Es war sowieso viel spannender, danach mit einer Gruppe von sechs Schülern „in echt“ zu nähen! Diese erste Gruppe war wohlgewählt in Absprache mit Kathrin: Es war wichtig, zuerst Nicole ins Boot zu holen. Sie ist leistungsmäßig die beste, aber ausgestattet mit einer sehr niedrigen Frustrationstoleranz. Sie fungiert als Zünglein an der Waage. Wenn Nicole behauptet, etwas nicht zu können, dann denken die anderen: „Dann kann ich das erst recht nicht.“ Dazu noch zwei der „Extremities“ und zum Ausgleich drei aus der Kategorie „Traum des geruhsamen Pädagogendaseins“.

Es kommt wie es kommen muss: Mary 2 will mich auf die Probe stellen, Nicole nölt herum bis kurz vor Schluss, Sarah arbeitet still und fleissig vor sich hin und ist entsprechend erfolgreich. Jack, der sonst immer für eine Störung zu haben ist, arbeitet gut mit. Sarah muss einiges an Bemerkungen einstecken („Immer ist sie der Sonnenschein! Na, du Schleimerin!“) Zuguterletzt ist Nicole nicht zufrieden damit, dass ich sie nicht gelobt habe, denn eigentlich ist es ihr wichtig! Alle wollten wissen, ob ihre Nähproben benotet werden. Ich sage, dass ich keine Noten für schöne Nähte verteile, sondern dass mir das Bemühen wichtig ist. Ich bin jedenfalls schweißgebadet gegen Ende dieser Doppelstunde!

Wir nähen übrigens ohne Faden auf Papier. Die Schüler sollen erstmal lernen, wie man den Fußanlasser bedient. Sie sollen zunächst ganz sacht drücken, zum Ausprobieren. Ich lasse sie dann aber auch Vollgas geben, weil ich vermute, dass sie der Versuchung eh nicht widerstehen können. Leider können sie auch danach der Versuchung nicht widerstehen und ich frage mich, wie ich mich da durchsetzen soll. Wir wurschteln uns durch und fangen an. Sie sollen üben, beim Nähen auf einer Linie die Spur zu halten, ohne am Papier zu ziehen oder es fest zu halten. Schwer genug! Es geht mir wie bei den Fimoperlen. Ich mag mir noch nicht ausmalen, was passiert, wenn wir mit Ober- und Unterfaden anfangen wollen.

Ich habe noch eine Doppelstunde Zeit für eine Sechsertruppe – wieder eine bunte Mischung. Diesmal notiere ich Striche wenn jemand unaufgefordert das Pedal bedient. Einmal drohe ich, eine Schülerin zur Lehrerin zurück zu schicken. Zufrieden bin ich damit nicht, aber es funktioniert ganz ok. Auch in dieser Gruppe ist jemand dabei, der mich überrascht. Michael, der gern vor sich hin träumt, hat gut und beharrlich gearbeitet. Nachdem fast alle schon abgedampft sind, kommt er zu mir und sagt, dass es Spaß gemacht hat. Ein Mädchen bekommt das mit und meint, ich hätte aber rumgemeckert. Er sagt dazu: „Dann musst du dich mal benehmen, dann klappt das auch!“

Am Freitag gehe ich zwar nicht in die Schule (Kathrin hat freitags frei, wenn sie nicht gerade an der Uni Seminare gibt), aber ich brauche die Zeit, um mich für meine erste Unterrichtsstunde am Montag vorzubereiten. Da muss das Bloggen warten! Zumal auch zuhause die Welt nicht stehenbleibt, während ich mein Praktikum bewältige. Vgl. auch: http://andiza.wordpress.com/

Ich habe mich mit Kathrin besprochen, was den Unterricht angeht. Die Schule verfügt über eine gut ausgestattete Textilwerkstatt. Das gibt es nicht allzu häufig, deshalb werde ich das Abenteuer auf mich nehmen, die Nähmaschine einzuführen.

Schon während der ersten Stunde (Orga/Perlenweben) werde ich mehrfach auf unser Vorstellungsprojekt angesprochen. Die Schüler haben Lust, damit weiterzumachen. Ich weise darauf hin, dass wir warten wollen, bis meine Kommilitonin wieder gesund ist. Inzwischen werde ich freundlich (und mit dem richtigen Namen) begrüßt, mich um Hilfe zu bitten ist selbstverständlich geworden.

In der zweiten Stunde (Biologie) wird ein Film gesehen. „Der Körper“ ist das Thema. Es kommt auch etwas über die Verdauung vor, damit hatte sich die Klasse schon vorher beschäftigt. Es folgt ein Klassengespräch. Die Schüler sollen erzählen, was sie sich aus dem Film merken konnten. John macht gut mit und bekommt dafür ein dickes Lob vor versammelter Mannschaft. Er sitzt ganz hinten in der Klasse an einem Einzeltisch, denn er hatte sehr oft gestört in der Vergangenheit. Jack dagegen antwortet „Penis“ auf die Frage, wie der Vorgang heißt, wenn der Körper Flüssigkeit absondert. Er muss zwei Minuten vor die Tür gehen …

Es gibt hier diverse Möglichkeiten Fehlverhalten zu ahnden. Zum Beispiel Sätze aufgeben: Wer nervt, wird freundlich aufgefordert es nicht mehr zu tun. Gelingt das nicht, bekommt der Schüler Sätze aufgebrummt. 10 Stück müssen am nächsten Tag mitgebracht werden. Gelingt das Mitbringen nicht, verdoppelt sich die Anzahl. Es gab schon Schüler, die bis zu 300 aufhatten! Es gab auch schon Schüler, die Sätze auf Vorrat geschrieben haben … Am Anfang eines Schultages werden die Schüler aufgefordert, ihre Kaugummis zu entsorgen. Dazu zählt die Klasse langsam einen Countdown von 10 rückwärts (auf Englisch versteht sich). Wer sein Kaugummi dreist im Mund behält, bereichert die Klassenkasse um 50 Cent. (Das ist wohl schulrechtlich nicht ganz korrekt, aber mit den Eltern so abgesprochen.) Es gibt auch Sonderregelungen in Absprache mit den Eltern. John z.B. trägt am liebsten die Hosen seines älteren Bruders – ohne Gürtel. Ob das modisch inspiriert oder dusselig ist, weiß man nicht, aber es hat dazu geführt, dass alle Mitschüler über seine Unterhosen Bescheid wissen. Das wollen weder die Lehrer noch seine Eltern. Daher wird er nach hause geschickt um sich einen Gürtel zu organisieren. Andere werden nach Hause geschickt, wenn sie mehrfach ihren Mathetest zu hause vergessen haben. Es gibt an der Schule auch eine Einrichtung die nennt sich „Sanktion.“ Was genau dort passiert, muss ich noch herausfinden.

Für jede Klasse sind Rituale wichtig. Heute hat Megan Geburtstag, so kann ich das Geburtstagsritual erleben. Wohlgemerkt sind wir in der Schule die ersten, die ihr gratulieren. Ich frage unvorsichtigerweise nach ihren Geschenken. Es stellt sich heraus, dass alles schläft, wenn sie zur Schule geht. Da blutet mein Mutterherz, wenn ich bedenke, was wir zuhause im Morgengrauen schon veranstalten, bevor wir unsere Geburtstagkinder zur Schule schicken. Umso wichtiger ist es, innerhalb der Klasse für einen gewissen Ausgleich zu sorgen. Es gibt eine Geburtstagskiste. Jedes Kind stiftet ein Geschenk für die Kiste, hat jemand Geburtstag, darf er sich eins aussuchen. Einige Kinder dekorieren ein Tablett mit kleinen Schaumküssen (als ich politisch unkorrekt „Negerküsse“ sage, reagieren die Kinder prompt!) Die Klasse versammelt sich im Stuhlkreis, die Lehrerin zückt die Gitarre, es wird gesungen: „Wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst…“ Danach gratulieren die Klassensprecher, die Kerze wird ausgepustet, das Geschenk ausgepackt. Das Ritual ist immer gleich, für jedes Kind. Auch die Schaumküsse sind immer gleich – gespendet aus der Klassenkasse, weil nicht jedes Kind Süßigkeiten mitbringen kann zum Verteilen.

Mittwoch, 13.2.08

Die Klasse hat heute die Polizei zu Besuch! Verkehrserziehung steht auf dem Stundenplan. Der dafür verantwortliche Polizist – den die Kinder auch schon kennen vom vorherigen Mal – ist mit einem Kollegen gekommen, um noch einmal die Bedeutung von Verkehrsschildern zu erläutern. Das Ganze soll in einem Fahrradausflug der ganzen Klasse enden. Das Mittagessen wird in der Kantine der Polizeiwache eingenommen.

Eigentlich sollten meine Kommilitonin und ich die Klasse begleiten, es erschien uns aber sinnvoller, die Zeit im unbevölkerten Klassenraum am Smartboard zu nutzen. Letzlich kam es noch anders. Meine Kommilitonin hat sich eine Lungenentzündung zugezogen, sie hält Bettruhe, und ich habe das Smartboard für mich allein. Das Üben hat mir einen guten Überblick darüber verschafft, was so möglich ist. Ich habe mir alles mögliche angesehen und für unterschiedliche Unterrichtsinhalte was entdeckt. Die Frage ist nur, was kann man letztlich gebrauchen. Pass man den Unterricht an die Möglichkeiten des Smartboards an, verändert so eine Tafel den Unterricht womöglich und ist das positiv? Und dann gibt es ganz praktische Erwägungen: Sieht es eigentlich albern aus, wenn ich immer auf einen Hocker steigen muss, weil das Pop-up-Menü immer an den oberen Rand des Boards poppt? Und wird es Herrn Meyer gelingen ausgerechnet dann zu Besuch zu kommen wenn es Sinn macht, das Smartboard zu benutzen?

Dienstag, 12.2.08

Der Stundenplan der Klasse 6b sieht für heute folgendermaßen aus.

  1. Englisch
  2. Englisch
  3. Mathe
  4. Mathe
  5. Deutsch
  6. Deutsch
  7. Sport
  8. Sport

Allerdings wird der Stundenplan an Förderschulen sehr flexibel gehandhabt. Das kommt uns Studenten zugute (und Herrn Meyer), denn Kathrin kann sich zeitlich gut auf unsere Unterrichtsideen einstellen. Übrigens wird jeden Morgen von einem Schüler der Stundenplan mit Karten an eine Korkwand gesteckt. Eigentlich eine Möglichkeit Grundschulkinder an die Struktur von Schule zu gewöhnen. Aber auch von Vorteil für Förderschüler, die von Strukturen auch profitieren.

Auch heute beginnt die erste Stunde mit Organisation. Die Kinder wissen schon, dass sie mit ihren Perlen weitermachen sollen und machen sich selbständig an die Arbeit. Am Montag haben sie, nachdem ich gegangen war, tatsächlich weitere zwei Schulstunden damit verbracht. Die Ergebnisse sind unterschiedlich: Ein Schüler (von dem man das wohl nicht so erwartet hätte) ist schon ganz fertig, während andere ihre vier Reihen geschafft haben. Nachdem ich bei den Fimoperlen erlebt hatte, wie einige Schüler vermeintlich nicht einen Knoten in ein Lederband machen konnten, war ich gespannt, ob das Perlenweben in einer Katastrophe enden würde. Denn Perlenweben ist echt fummelig! Umso überraschter war ich, zu sehen, mit welcher Ernsthaftigkeit die Kinder zu Werke gehen. Auch die, bei denen das Ergebnis Wünsche offen lässt, haben offensichtlich Spaß daran.

Schon an diesem zweiten Praktikumstag haben wir Gelegenheit, Material zum Thema „Konflikte“ zu sammeln! Der Lehrer einer Parallelklasse kommt mit zwei seiner Schüler, von denen einer eine fette Schramme im Gesicht hat. Dafür war der Schüler C. aus Kathrins Klasse verantwortlich. (Ich werde mir demnächst die Liste mit den Namen aus dem Englischunterricht besorgen. Die Anonymität will ja gewahrt sein. Aber C. hört sich blöd an.) Folgendes hat sich ereignet: C. hat einen Streit mit L. (aus der Parallelklasse). Das war schon am Freitag. Man verabredete sich am Wochenende zu einer Massenschlägerei. Allerdings hatten beide Jungs Schwierigkeiten, genügend Männer hinter sich zu versammeln. Also wurde die Schlägerei vertagt. Um dafür gerüstet zu sein bastelte C. sich daraufhin am Wochenende eine Art Schlagring, und griff dann heute morgen an. In solchen Fällen wird die Polizei gerufen, die dann zur Schule kommt um mit dem Missetäter zu sprechen, das Opfer wird fotografiert; die Eltern werden informiert, der Schüler nach hause geschickt. Doch zunächst wird C. Richtung Lehrerzimmer geschickt um auf den Polizisten zu warten.

In der zweiten Stunde wird die Klasse geteilt. Die „Lions“ haben Englisch bei einer anderen Lehrerin, während die „Tigers“ bei Kathrin Englisch haben. Die Tigers üben Europäische Länder am Smartboard, sie sprechen über Wetter-Symbole, sollen Temperaturen von einem Thermometer ablesen und schließlich Wettervorhersagen machen anhand der Europakarte. Alles auf Englisch.

Als Kathrin geht, um Cs Fall mit dem Polizisten zu besprechen, sind wir dran. In unserer ersten Unterrichtsstunde leiten wir die Schüler an beim „Textilen Werken im Bilingualen Unterricht“. Das Thema: „Bead Crafts“. Und hier ist auch schon der zweite Konflikt des Tages. Sobald Kathrin die Klasse verlässt, ändert sich die Stimmung. Die Schüler zicken sich gegenseitig an, Ungeduld wird wesentlich lauter geäußert. Als die Tigers zum Englisch gehen sollen, geschieht das ausgesprochen schleppend, trotz mehrfacher Aufforderungen. Und die Lions, die jetzt weiter Perlenweben sollen, fangen auch nicht wirklich an. Sie sagen unsere Namen absichtlich falsch, eine Schülerin isst, während ich neben ihr stehe, weil sie Hilfe braucht. Ich spreche sie darauf an, aber sie behauptet, sie dürfte das. Sie grinst zwar dabei, aber legt ihr Brot auch nicht weg. Ich ergreife die Gelegenheit zur „Flucht“, als ein anderer Schüler eine Frage hat. Ich will mich wegen einer Stulle nicht auf eine Machtprobe einlassen.

Es fällt während dieser ersten Stunde nicht wirklich etwas vor, es fliegen keine Stühle! Dennoch habe ich im Nachhinein darüber nachgedacht, das man in der Lehreranfangszeit wohl seinen persönlichen Stil im Umgang mit Schülern finden muss. Und das man darauf angewiesen ist, seine Schüler schnell gut kennenzulernen, um eine gemeinsame Basis aufzubauen. Was sind Verhaltensweisen die ich ahnde, worüber kann man auch mal hinwegsehen zugunsten einer guten Stimmung, wie kann ich mich elegant aus der Affäre ziehen, wenn ich befürchte, mich nicht durchsetzen zu können. Kommt dieses Wissen von ganz allein im Schulalltag oder wird man sich das mühsam erarbeiten müssen?

In der 3. Stunde wird ein Uhren-Test geschrieben. Dazu kommt die zweite Klassenlehrerin Frau K. Viele Schüler haben noch Schwierigkeiten, die Uhrzeit von Zeigern abzulesen, deshalb war das in den vergangenen Tagen noch einmal geübt worden. Nach dem Test in der 4. Stunde geht es mit Mathearbeitsheften weiter.

In der 5. Stunde in Deutsch kommen meine Komilitonin (schreibt man das eigentlich mit zwei m?) und ich noch einmal zum Zug. Um die Schüler kennenzulernen und vor allem um mit ihnen ins Gespräch zu kommen, haben wir uns eine Art Spiel ausgedacht. Ich habe acht Behauptungen über mich selbst an das Smartboard geschrieben. (Meine Leibspeise ist Rosenkohl. In meinem Garten wohnt ein Kaninchen. usw.) Allerdings sind zwei Behauptungen davon gelogen. Die Schüler sollen Vermutungen anstellen, was wahr oder unwahr sein könnte. Natürlich sollen sie ihre Vermutungen auch begründen. Meine Komilitonin macht das gleiche. Das gibt uns die Möglichkeit den Kindern ein bisschen von uns zu erzählen. Danach sollen die Kinder das Gleiche machen. Zu zweit nehmen sie sich die Laptops und stellen ihre eigenen Behauptungen auf. Wir speichern die Dateien auf unseren USB-Stick. Wir wollen die Seiten ausdrucken und am Donnerstag kleinere Gruppen in einen anderen Raum mitnehmen und deren Behauptungen unter die Lupe nehmen, raten, begünden usw. Das Schreiben am Computer bringt ihnen viel Spaß und sie freuen sich auch auf die Auswertung.

    Der erste Tag

    Der erste Tag wäre geschafft!

    Wie geplant waren meine Komilitonin und ich um kurz vor 8 Uhr vor Ort und gingen mit der Mentorin in die Klasse. Die Klasse – 6 Jungs und 11 Mädchen – ist es gewöhnt, Hospitationsbesuch zu haben und hat sich dementsprechend kaum um uns geschert. Der Schultag begann mit Organisation. Erstaunlich, wieviel Zeit dabei drauf geht, Hausaufgaben oder Essensgeld einzusammeln, an Tests zu erinnern die noch unterschrieben werden müssen und so weiter. Die Schüler kennen das wohl so, jedenfalls haben sich die meisten einigermaßen still verhalten, während die Lehrerin organisierte.

    Dann ging es los mit einer Begrüßung, wir Studenten wurden vorgestellt, der Tag wurde besprochen. Es gab eine Doppelstunde Mathe, eine Doppelstunde Deutsch und eine Doppelstunde Kunst (und dann muss noch etwas gekommen sein, aber ich habe es nicht behalten). Bei jedem Fach, das genannt wurde freute sich ein Teil der Schüler. In Mathe arbeiteten alle in einem Arbeitsheft, als Belohnung für gute Mitarbeit wurde ihnen Vier-Gewinnt auf einem Hunderterfeld in Aussicht gestellt. Hier kam zum ersten Mal das Smartboard ins Spiel. Auf dem Smartboard gab es ein Hunderterfeld. Die Schüler sollten Mal- und Geteilt-Aufgaben und die Ergebnisse nennen. Die Ergebnisse wurden umkringelt. Schaffte ein Schüler eine Reihe mit vier Kringeln bekam er einen Punkt. Das Spiel war offensichtlich schon bekannt, denn es gab sogar schon eine Liste auf der die Punkte am Ende eingetragen wurde.

    Nach der Pause ging es mit Deutsch weiter. Die eine Hälfte der Klasse fing an an Laptops zu arbeiten. Ein Text sollte aus einem Buch abgetippt werden. Die ander Hälfte der Klasse arbeitete an einem Deutscharbeitsheft. Nach Ablauf einer bestimmten Zeit (ein Wecker war gestellt worden) wurde getauscht. Hier haben wir Hospitanten zum ersten Mal Einsatz zeigen können. Irgendwo gab es immer eine Frage zu klären. Und die Schüler waren ganz froh, nicht immer auf die Lehrerin warten zu müssen.

    fimoperlen-1.jpg

    Die erste Stunde Kunst verging damit, dass ein Projekt fertig gestellt wurde. Die Kinder hatten Amulette und Perlen aus Fimo gefertigt, die inzwischen hart gebrannt waren. Auch hier beanspruchte das Organisieren die meiste Zeit. Bis jeder seine Perlen wiedererkannt, ein Lederband bekommen und durchgefädelt hatte, war die Stunde um.

    Wiederum nach einer Pause wurde ein neues Projekt angefangen. Passend zum Thema „Indianer“ dass in Geschichte derzeit behandelt wird, soll nun mit Perlenweben begonnen werden. Zur Einführung kam das Smartboard zum Einsatz. Und die englische Sprache! „Meine“ Klasse ist nämlich eine bilinguale, das heißt, Teile des Unterrichts werden auf Englisch abgehalten. Also wurden zunächst passende Vokabeln geklärt, und dann in Wort und Bild das Weben mit Perlen erläutert, und zwar auf Englisch. Es folgte die Praxis, und einige Schüler konnten erst so richtig verstehen was sie tun sollten, indem sie es ihren Mitschüler nachmachten. Es wurden Muster entworfen, Webrahmen bespannt, Perlen verteilt und schließlich gefädelt und gewebt. Ganz schön kompliziert. Unsere Hilfe wurde gerne angenommen. Und trotzdem stießen hier einige Schüler an die Grenzen ihrer Geduld. Passenderweise genau die Schüler, die die Lehrerin uns mit eher niedriger Frustrationstoleranz beschrieben hatte.

    Für die Schüler war der Schultag zwar noch nicht ganz um, aber ich musste meine Hospitation für heute beenden. Ich bin gespannt, was die nächsten Tage so bringen.

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